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Gibt es Lösungen?

20 Menstruation ohne Plastik und Tabu?

Menstruation ohne Plastik & Tabu

Ein Beispiel aus Indien

Hast du jemals darüber nachgedacht, woraus Tampons und Wegwerfbinden bestehen? Wie die meisten Menschen hat auch die indische Ökologin Shradha Shreejaya lange geglaubt, dass sie einfach aus Baumwolle sind. Erst als sie 24 Jahre alt war und sich an Umweltschutzaktionen beteiligte, wurde ihr bewusst, wieviel Plastik und giftige Bestandteile konventionelle Tampons und Binden enthalten. Auf einmal verstand sie, warum sie ständig diese roten Hautausschläge bekam. Sie hatte immer geglaubt, es läge an ihrem Hauttyp, oder sie sei vielleicht nicht sauber genug. Sie wechselte zu einer Menstruationstasse, die ihr Leben revolutionierte. Plötzlich war sie nicht nur ihren Hautausschlag los, sondern berührte sich durch die Tasse erstmals selbst an ihren intimsten Stellen und bekam dadurch ein natürlicheres Verhältnis zu den von der Gesellschaft tabuisierten Bereichen ihres Körpers. Ihre Wahrnehmung veränderte sich, und sie fragte sich: Warum schämen wir uns wegen eines ganz natürlichen biologischen Prozesses, der seinen Ursprung in etwas so Wesentlichem wie der menschlichen Fortpflanzung hat? In Indien ist die monatliche Blutung ein derart großes Tabu, dass viele Mädchen und Frauen nicht einmal untereinander darüber sprechen.

Durch ihre eigene Erfahrung beflügelt, begann sich die Umweltwissenschaftlerin dafür zu interessieren, welche Auswirkungen Menstruationsprodukte nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Mädchen und Frauen haben. Sie begriff, dass Änderungen auf diesem Gebiet nur dann möglich sind, wenn die Tabus gebrochen werden. Um Probleme zu lösen, muss man sie ansprechen können. Genau das aber ist in ihrem Heimatland eine große Herausforderung, denn in weiten Teilen Indiens werden Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation als unrein betrachtet und dürfen weder einen Tempel noch die Küche betreten. Oft bleiben sie in dieser Zeit auch der Schule fern, entweder aus Angst, dass sich Flecken auf ihrer Kleidung zeigen, oder weil es in vielen Schulen keine Möglichkeit gibt, Binden zu wechseln und zu entsorgen. Nicht selten brechen Mädchen deshalb sogar ihre Schulausbildung ab.

Auch zu Hause, besonders auf dem Land und in den Slums, stehen die Frauen vor dem Problem, dass sie nicht wissen, wo sie die gebrauchten Menstruationsprodukte entsorgen können. In den Haushaltsmüll dürfen sie nicht. In der Toilette saugen sie sich voll und verstopfen die Kanalisation. Auf dem Land nehmen Frauen oft lange Wege auf sich, um die Binden außerhalb der Dörfer in der Erde zu vergraben. Oder sie klemmen sie zwischen ihre Schenkel, wenn sie im See oder Fluss baden, um sie dort loszuwerden. Aber egal, ob im Wasser oder in der Erde: Aufgrund ihres hohen Plastikanteils existiert jede einzelne Binde viele 100 Jahre. Wenn die Frauen sie verbrennen, werden dabei giftige Gase freigesetzt.

Einmalprodukte sind natürlich für die meisten Mädchen und Frauen sehr praktisch, und die meisten betrachten sie als einen großen Fortschritt gegenüber den Stoffresten, die Frauen traditionell verwendet haben. Der indische Staat will dazu beitragen, dass mehr Frauen Einmalbinden benutzen können, und verteilt sie deshalb verbilligt an 10- bis 19-jährige Mädchen auf dem Land. Außerdem hat er die Steuer auf Binden und Tampons abgeschafft, weil diese für viele einfach zu teuer sind. Das Abfallproblem verliert der Staat dabei aus den Augen.

Auch ein anderer wichtiger Punkt wird nicht angesprochen, und das ist nicht nur in Indien ein Problem, sondern weltweit: Wie kann es sein, fragt sich Shradha, dass wir auf gesunde Ernährung und schadstoffarme Kosmetik achten, aber kaum jemand hinterfragt, welche Chemikalien in Menstruationsprodukten enthalten sind? Eine Pflicht zur Angabe der Inhaltsstoffe gibt es nicht, dabei sollte jede*r das Recht haben zu wissen, welche Giftstoffe und Plastiksorten rund 40 Jahre lang regelmäßig mit den Schleimhäuten in Berührung kommen.

Shradha begann zu untersuchen, welche Initiativen es für die Verbreitung nachhaltiger Menstruationsprodukte bereits gab. Zu ihrem Glück hat ihr Heimatstaat Kerala im Süden Indiens eine sehr fortschrittliche und umweltbewusste Regierung und beteiligt sich an dem internationalen Programm »Zero Waste Cities«. Das bedeutet, dass es bereits ein dichtes Netz an NGOs gab, die sich mit Abfallfragen beschäftigten. Doch Shradha fand kaum eine, die sich mit dem Thema Menstruation befasste. Sie nutzte die sozialen Medien, um sich mit Aktivist*innen auf diesem Gebiet in Verbindung zu setzen und stieß auf Initiativen wie »The Red Cycle« oder »Eco- Femme«, eine Kooperative, die auswaschbare Monatsbinden aus ökologischer Baumwolle herstellt und damit sozial benachteiligten Frauen einen Arbeitsplatz bietet. Mit den Überschüssen aus dem Verkauf der Stoffbinden finanzieren die

Frauen gleichzeitig Aufklärungskampagnen
an Schulen. Shradha wollte die bereits existierenden Projekte vernetzen und wurde zur Mitbegründerin des »Sustainable Menstruation Kerala Collective« – einer informellen Gruppe engagierter Einzelpersonen, Initiativen und Produzenten, die dasselbe Anliegen haben: Mädchen und Frauen Zugang zu gesunden, bezahlbaren und umweltfreundlichen Menstruationsprodukten zu verschaffen. Zu diesem Zweck tauschen sie sich miteinander aus, oder sie organisieren Festivals und Kampagnen. Sie klären auf und stellen auf öffentlichen Veranstaltungen und in Schulen umweltfreundliche und unbedenkliche Alternativen wie auswasch- bare Stoffbinden und Menstruationstassen aus medizinischem Silikon vor, die weder Umwelt noch Körper belasten und trotz einmaliger höherer Anschaffungskosten auf Dauer billiger sind. Sie ernten viel Dank dafür, dass sie endlich ein Thema ansprechen, das mit so viel Scham behaftet ist. Shradha ist klar, dass längst nicht jede*r die Möglichkeit hat, frei zu wählen. Oft scheitert es an so grundlegenden Dingen wie sauberen Toiletten, deshalb beziehen sie auch Politiker*innen in ihre Arbeit ein. Aufklärung, soziale Situation, Umwelt und Gesundheit – alles hängt miteinander zusammen. Shradhas Einsatz hat entscheidend dazu beigetragen, dass Kerala zu einem Vorbild für ganz Indien geworden ist.

Annette Herzog interviewte Shradha Shreejaya

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GlossarGiftig Menstruationstasse Tabu Einmalprodukte Schadstoff Zero Waste Aktivist*innen Kooperative Ökologisch

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Was hat das mit mir zu tun?

18 Was passiert beim Trinken aus Plastik?

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Gibt es Lösungen?

17 Wenn ich wissen will, was drin ist?

BPA ist eine der meistverkauften Chemikalien der Welt. BPA kann sich bei Kontakt mit Lebensmitteln aus dem Produkt lösen. Es gehört zu den hormonell schädlichen Stoffen, die bereits in winzigen Mengen in unseren Hormonhaushalt eingreifen können. In manchen Ländern wurde es in einigen wenigen Produkten verboten. Es gibt Produkte, die als BPA-frei beworben werden. Allerdings ist auf dem Produkt nicht angezeigt, welche anderen Chemikalien das BPA möglicherweise ersetzt haben. Und ob sie genauso schädlich sind.

Wenn gefährliche Chemikalien verboten, aber dann durch andere, ebenso gefährliche Stoffe ersetzt werden, ist das natürlich keine Lösung. Deswegen sollten immer ganze Stoffgruppen verboten oder beschränkt werden und nicht nur einzelne Chemikalien einer Gruppe.

Kunststoffe enthalten über 4.000 verschiedene Chemikalien. Viele davon sind sogar den Herstellenden unbekannt. Andere werden nach einer streng geheimen Rezeptur hinzugefügt. Wenn es Hinweise auf eine Gefahr gibt, zum Beispiel durch eine Testreihe im Labor, werden die betroffenen Chemikalien konkret überprüft. Dazu müssen Studien durchgeführt und Überlegungen angestellt werden, ob die Verwendung eingeschränkt oder sogar verboten wird. Das wird pro Land häufig unterschiedlich entschieden. Manchmal sprechen sich Länder aber auch untereinander ab.

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GlossarBisphenol Additive Regulierung

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15 Wo versteckt sich Plastik in Kosmetik?

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GlossarRieselhilfe

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Worum geht es bei Plastik?

14 Warum ist Plastik so gefährlich?

Ausdünstung Kleine Teilchen lösen sich in der Luft und werden gasförmig. In Innenräumen entweichen aus Teppichen und Plastikgegenständen chemische Partikel, die beim Einatmen in den Körper gelangen.

Migration Kleine Teilchen lösen sich in Flüssigkeiten. Beim Trinken aus einer Flasche oder anderen Plastikgegenständen gelangen geringe Mengen unerwünschter chemischer Partikel in den Körper.

Anziehung Im Meer können Plastikpartikel wie ein Magnet schädliche Chemikalien an sich ziehen.

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GlossarMigration Additive Polymer Moleküle NIAS Toxisch Persistent

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Worum geht es bei Plastik?

13 Was sind Additive?

Das Plastik zeigt seine vorteilhafte Seite, weil es so leicht, so bunt, so langlebig und so haltbar ist. Ein Teil dieser Eigenschaften beruht auf der Verbindung der langen Polymerkette. Um Kunststoff herzustellen, nimmt man zum Beispiel Ethylen. Wenn man es kauft, besteht es maximal zu 80 bis 90% aus reinem Material. Es enthält bereits Verunreinigungen und unerwünschte Nebenstoffe, also unbekannte Chemikalien – sogenannte NIAS. Dann gibt man weitere Chemikalien hinzu, um die gewünschte Materialeigenschaft zu erhalten. Additive nennt man diese vielen verschiedenen Stoffe, die absichtlich dem Kunststoff beigemischt werden, sich sehr leicht einlagern und ebenso leicht wieder herauslösen.

Durch Sonneneinstrahlung zum Beispiel wird das Material spröde und brüchig. Um es zu schützen, fügt man Sonnenschutzmittel hinzu. Das sind Radikale, die die Energie der UV-Strahlen einfangen, indem sie sich zu einem neuen Stoff verbinden. Das funktioniert ähnlich wie Katzenstreu, das auf Öl-Flecken geschüttet wird: Es saugt hervorragend das Öl auf und verbindet sich zu einer weichen Masse.

Helles Kunststoff-Ausgangsmaterial lässt sich durch Hinzufügen von Farbstoffen oder Pigmenten zu farbigen Flaschen, Bauklötzen, Figuren und allem Möglichem färben. Einfärbungen erfolgen von hell nach dunkel, Schwarz ist das letzte Farbstadium. Einige der Pigmente sind toxisch, andere harmlos.

Toxisch bedeutet giftig. Selbst in kleinen Mengen, über längere Zeit aufgenommen, können solche Stoffe zu schweren Krankheiten führen, wie zum Beispiel Krebs oder Störungen des Immunsystems, und man kann auch daran sterben. Viele der Additive werden bei großen Transporten mit Warnschildern versehen: umweltschädigend, gesundheitsgefährdend, krebserregend, tödlich. Für das Hinzufügen der Stoffe bei der Plastikherstellung gibt es Richtwerte, die nicht überschritten werden dürfen. In den letzten Jahren wurde deutlich, dass sie immer weiter gesenkt werden müssen, da verschiedene Studien die schädigenden Auswirkungen vieler Zusatzstoffe gezeigt haben. Immer mehr Forschungsprojekte untersuchen, wie sich die Additive durch den Plastikmüll in der Umwelt ansammeln und zu Schadstoffquellen werden. Einige sind persistent, das bedeutet sie bleiben sehr lange in der Umwelt.

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GlossarPolymer Ethylen NIAS Additive Pigmente Toxisch Richtwert Schadstoff Persistent

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Was hat das mit mir zu tun?

5 Wie viel Plastik steckt in Kleidung?

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GlossarPolyester Klima

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Was hat das mit mir zu tun?

4 Wie viel Plastik umgibt mich?

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Worum geht es bei Plastik?

3 Wie kommt Plastik zu uns?

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Worum geht es bei Plastik?

1 Wo steckt Plastik drin?

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Worum geht es bei Plastik?

23 Wie wird eine PET-Flasche hergestellt?

1 DESTILLATION In einem Kolben wird Erdöl erhitzt. Bei 360 Grad Celsius wird Rohbenzin gasförmig und steigt auf. Das Gas entweicht durch ein Röhrchen. Abgekühlt verflüssigt sich dieses Rohbenzin und tropft in einen Glasbehälter. Destillare ist Latein und bedeutet herabtröpfeln. Rohbenzin oder Erdgas sind der Ausgangsstoff zur PET-Herstellung.

2 CRACKING Die langen Kohlenstoffketten werden gespalten. Spalten heißt im Englischen to crack. So entstehen kurze Kohlenstoffketten, die als Rohstoffe zu Benzinen, Lösungsmitteln und Kunststoffen weiterverarbeitet werden können.

3 POLYMERISATION Während dieser chemischen Reaktion werden aus vielen einzelnen Molekülen, den Monomeren, lange Molekülketten, die Polymere, gebildet. Bei der Polymerisation zum PET werden die Monomere Dimethylterephthalat und Ethylenglycol miteinander verbunden.

4 PELLETS PET wird zu dünnen langen Strängen geschmolzen, die sich nach dem Erkalten schneiden lassen. Dabei entstehen kleine Zylinderstückchen, die man Pellets nennt. Sie rieseln wie Zucker, lassen sich gut in Säcken verpacken und leicht transportieren. Plastik wird als Pellets verkauft und weiterverarbeitet.

5 STRECKBLASEN Aus den Pellets werden in einer Getränkefabrik Rohlinge gegossen. An einem Ende des Rohlings befindet sich bereits das Schraubgewinde des Flaschenhalses. Der erhitzte Rohling wird wie ein Luftballon in die vorgegebene Flaschenform geblasen. So entsteht eine PET-Flasche, die im nächsten Arbeitsschritt mit einem Getränk gefüllt wird.

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GlossarRohbenzin Moleküle Polymere Polymerisation PET Ethylen Pellets Rohling Cracking

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Was ist das Problem mit Müll?

22 Wie oft verpacken wir die Erde?

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Unkategorisiert Worum geht es bei Plastik?

21 Wofür wird Plastik verwendet?

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Was ist das Problem mit Müll?

27 Kann man von Müll leben?

Kann man von Müll leben?

Müllsammeln in Nordmazedonien

Zekia Memedov lebt vom Müll, seit sie sich erinnern kann. Schon als kleines Mädchen hat sie Müllcontainer durchsucht, statt in die Schule zu gehen. Sie hat daraus hervorgeholt, was sie verkaufen konnte. Später haben ihre eigenen Kinder dasselbe getan. Alle in der Familie müssen zum Lebensunterhalt beitragen, für die Schule bleibt da kaum Zeit. Außerdem rümpfen andere in der Klasse die Nase über die Müll sammelnden Kinder. »Du stinkst! Du hast Läuse!«, rufen sie. Wie soll man sich auch waschen, wenn man zu Hause nicht einmal fließend Wasser hat.

Zekia ist 47 Jahre alt und lebt in Nordmazedonien, mitten in Europa. Genau wie ihr Mann Rahim gehört sie zu den Rom*nja, einer europäischen Minderheit, deren Angehörige meist arm sind und von der Gesellschaft diskriminiert werden. Bis vor kurzem hat Zekia mit etwa 50 anderen Rom*nja in einem Lager aus Zelten und improvisierten Verschlägen am Fluss Vardar am Rand der Hauptstadt Skopje gewohnt. Ihr Mann Rahim ist in einem Waisenheim aufgewachsen und hat als Einziger der Gemeinschaft einen Schulabschluss. Das bringt ihm die Achtung der anderen ein, auch wenn Rahim seine Berufsausbildung als Baggerfahrer vorzeitig abgebrochen hat. Zekia war 16 Jahre alt und Rahim 17,
als ihr erster Sohn geboren wurde. Später kamen sechs weitere Kinder hinzu. Ihre Behausung ist mit Gegenständen ausgestattet, die sie gefunden haben. Alle im Lager waschen sich und ihre Kleidung mit Flusswasser, und sie essen, was sie von ihrem geringen Lohn erwerben können. Es ist weder ausreichend noch gesund. Dabei leisten sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Umwelt: Sie sammeln 80% des Mülls, der später recycelt werden kann. In den Ländern, in denen es keine funktionierende öffentliche Mülltrennung gibt, übernehmen immer die ärmsten Randgruppen der Gesellschaft diese undankbare Aufgabe und werden dafür doppelt verachtet. Aber für viele Menschen ist diese Arbeit die einzige Möglichkeit, sich selbst zu versorgen.

Schon früh am Morgen ziehen die Familien los, die Männer getrennt von den Frauen, die mit ihren jüngsten Kindern zusammen gehen. Jugendliche ab 11 Jahren bleiben in Gruppen. Sie haben Fahrräder mit Anhängern und reichlich Platz für die großen Säcke, in die der Müll sortiert wird. Zekia weiß genau, wann die Menschen in den Wohnvierteln Skopjes zur Arbeit gehen und auf dem Weg ihre Tüten mit Haushaltsmüll entsorgen. Müll wird in Nordmazedonien kaum getrennt. Egal ob Glas, Papier, Plastik, Essensreste, Windeln oder giftige Reinigungsmittel – alles landet in einem Container. Oft sind es die Kinder, die hineinklettern und das herausfischen, was sich zu Geld machen lässt. Früher waren es Pappe, Papier, Glas und Metalldosen, heute sind es vor allem PET-Flaschen. Ob Zekia und Rahim Pappe und Papier sammeln, hängt von den aktuellen Preisen ab. Oft lohnt es sich nicht. Plastiktüten lassen sie liegen, sie wiegen nichts und bringen keinen Verdienst. Auch Verpackungen, die aus mehreren Sorten Plastik bestehen, haben keinen Wert.

Die Arbeit ist ungesund und gefährlich. Manchmal explodieren Sprayflaschen. Manchmal ist ein toter Hund in eine Plastiktüte gewickelt. Wenn sie sich an scharfen Glas- oder Metallkanten

schneiden, verbinden sie ihre Wunden mit schmutzigen Lappen. Sie kommen mit giftigen Stoffen und mit Fliegen, Ratten und Kakerlaken in Kontakt, die Krankheiten übertragen können. Viele Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Müllsammeln verdienen, leiden an Hautausschlägen, Magen-Darm-Krankheiten, Typhus oder Cholera. Oft haben sie keine Krankenversicherung und kaum Zugang zu medizinischer Hilfe.

Da die Müllsammelnden mit ihrer Arbeit etwas Nützliches für die Umwelt leisten, werden sie von den Behörden als »grüne« Arbeitskraft bezeichnet. Die Menschen selber sehen sich so nicht, für sie geht es nur ums Überleben. Oft legen sie 40 Kilometer am Tag zurück. Abends geben sie ihren Ertrag bei einer privaten Sammelstelle ab. Im Durchschnitt erhalten sie 0,16 Euro pro Kilogramm Plastik. Die Sammelstelle verkauft das Kilo für drei Euro weiter. Auch andere verdienen gut am Weiterverkauf und Export von Müll, der recycelt werden kann und somit Rohstoffe spart. Ein Mann kann an einem Tag zwischen acht und neun Euro verdienen. Frauen, die während der Arbeit auf ihre Kinder achten müssen, sammeln oft weniger und verdienen meist nur die Hälfte. Dieses Einkommen liegt unter der Armutsgrenze.

Trotzdem leben 3.000 der etwa zwei Millionen Einwohner*innen Nordmazedoniens vom Müllsammeln. Auch in Südamerika, Indien oder auf den Philippinen gibt es viele Müllsammler*innen, doch dort haben sie sich inzwischen zu Genossenschaften zusammengeschlossen, die ihnen einen festen Lohn, eine Krankenversicherung und bessere Arbeitsbedingungen garantieren.

Genossenschaften können auch Kredite bei den Banken aufnehmen und Fahrzeuge und Maschinen kaufen, die den Müll sortieren, zer- kleinern oder zusammenpressen. So können die Müllsammler*innen ihn ohne Zwischenhandel weiterverkaufen und verdienen mehr.

Dieses Modell haben die nordmazedonischen Müllsammler*innen noch nicht entwickelt. Es gibt aber Organisationen, die ihnen helfen. Sie fordern zum Beispiel, dass die Menschen von den Entsorgungs- und Recycling betrieben fest angestellt werden. Auf diese Weise könnte man ihre Erfahrungen mit Mülltrennung nutzen, denn niemand kennt sich mit dem Abfall der Konsumgesellschaft so gut aus wie sie. Das käme der Umwelt zugute und würde gleichzeitig ihre Lebensbedingungen verbessern.

Mit Hilfe der Organisation Ajde Makedonijas konnten Zekia und ihre Familie vor kurzem aus dem Rom*nja-Lager in einen Zweiraum-Bunga- low einer neu errichteten Siedlung ziehen. Es gibt fließend Wasser, alle sind krankenversichert und bekommen Hilfe von einer Fachkraft für Sozialarbeit, die für Fragen zur Verfügung steht. Wer die Kinder in die Schule schickt, erhält täglich kostenlos ein Essen, das von Supermärkten und Restaurants gespendet wird. Mit dem Müllsammeln macht Zekia trotzdem weiter. Das ist ihr Beruf, etwas anderes hat sie nie gelernt, und sie kennt sich mit Müll so gut aus wie nur wenige.

Annette Herzog interviewte Blazhe Josifovski

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GlossarGiftig PET Genossenschaft Recycling Kredit

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Was ist das Problem mit Müll?

29 Was bleibt beim Verbrennen übrig?

Treibhausgase

Unterschiedliche Gase wie Wasserdampf, aber insbesondere Kohlendioxid und Methan, werden Treibhausgase genannt. Es sind Gase, die sich in der Atmosphäre sammeln, die Sonnenstrahlen aufnehmen und sie als Wärme wieder abgeben. Deshalb herrscht keine Eiszeit auf der Erde, sondern eine angenehme Temperatur. Der Anstieg dieser Gase verursacht die Erwärmung des Klimas. Dabei spielt auch Methan eine wichtige Rolle, es ist um ein Vielfaches wirkungsmächtiger als Kohlendioxid.

Giftige Schlacken

Schlacken sind die festen Bestandteile, die nach dem Verbrennen übrig bleiben. Sie sind hochgiftig und müssen in Salzstöcken oder anderen Endlagern ähnlich wie radioaktiver Müll gelagert werden.

Flugasche

Neben Gasen und flüssigen Stoffen entweichen beim Verbrennen auch winzige staubförmige Partikel, die viele Schadstoffe enthalten: Sie werden Flugasche genannt. Diese Stoffe sind so fein, dass sie sich wie Staub überall absetzen und in unseren Nahrungskreislauf gelangen.

Dioxine

Bei der Verbrennung bestimmter Plastikarten, nämlich PVC und PUR, entstehen Dioxine. Dioxine sind organische Schadstoffe, die in sehr, sehr geringen Mengen überall auf der Welt vorkommen und sich in der Nahrungskette anreichern. Sie sind persistent, das bedeutet, sie bleiben sehr lange in der Umwelt. Vorsicht, sogar in geringen Mengen sind Dioxine sehr gesundheitsschädigend! Sie gelten als krebserregend, führen zu Missbildungen bei Embryonen und zu vielen anderen Krankheiten.

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GlossarMethan Treibhausgase Klima Endlager Schadstoffe Dioxine Organisch Persistent

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Was hat das mit mir zu tun?

26 Wie betrifft Plastik Menschen?

Ob arm oder reich, Schreibtischjob oder Arbeit in der Fabrik, Stadt oder Land, jung oder alt – Menschen sind sehr unterschiedlich von Plastik betroffen. Plastik bedroht überall auf der Welt die Lebensgrundlage vieler Menschen – wenn sie vom Fischfang leben, im Tourismus arbeiten oder neben einer Fabrik zur Herstellung von Plastik leben. Menschen, die in Unternehmen gering bezahlte Arbeit verrichten, kommen häufiger mit Giften oder Schadstoffen wie Reinigungsmitteln oder anderen chemischen Substanzen in Kontakt. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Viele gering bezahlte Arbeiten werden von Frauen ausgeführt.

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GlossarSchadstoffe

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Was ist das Problem mit Müll?

25 Was verbindet Wohlstand und Plastikmüll?

Die Weltbank unterscheidet Länder nach hohem, oberem-mittlerem, unterem- mittlerem und niedrigem Einkommen. Länder mit niedrigem Einkommensniveau sind nicht abgebildet.

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GlossarWeltbank

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Was hat das mit mir zu tun?

46 Wie fliegen Vögel mit Plastik im Magen?

Wie fliegen Vögel mit Plastik im Magen?

Der Tod der jungen Albatrosse

Der entscheidende Augenblick im Leben eines Albatrosjungen ist der Moment, in dem es Anlauf nimmt, um sich zum ersten Mal in die Luft zu erheben. Es hat nur eine einzige Chance. Gelingt der Start, kann ein Albatros über 60 Jahre alt werden und sich sehr lange fortpflanzen.
Ein Weibchen aus der Familie der Laysanalbatrosse hat mit 67 Jahren noch ein Ei ausgebrütet. Scheitert der Flugversuch jedoch, ertrinkt das Albatrosjunge oder es bleibt zurück und verhungert. Während sich die Körper der toten Meeresvögel am Strand allmählich zersetzen, zeigt sich der Grund für ihr trauriges Schicksal: Ihre Mägen sind mit Plastikteilen gefüllt.

Albatrosse sind schöne, sagenumwobene Tiere. Sie gehören zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt und sind die ausdauerndsten Flieger unseres Planeten. Bis zu dreieinhalb Meter kann ihre Flügelspannweite betragen. Ohne ihre Flügel zu bewegen, allein vom Wind getragen, gleiten sie über die Weltmeere der südlichen Halbkugel und legen täglich Tausende von Kilometern zurück. Viele Tiere umrunden die gesamte Erde. Lange haben Seefahrende den Albatros für die Seele eines ertrunkenen Matrosen gehalten, weil der übernatürlich anmutende Vogel ihren Schiffen oft tage- oder wochenlang gefolgt ist, ohne jemals auszuruhen. Albatrosse schlafen sogar in der Luft.

Eine der größten Albatroskolonien befindet sich im Pazifik zwischen Japan und Kalifornien auf den Midwayinseln, 3.000 Kilometer vom Festland entfernt. Die Inseln liegen am Rande des Pazifischen Müllstrudels, einer riesigen Fläche aus Plastikmüll. Eine der Inseln heißt auf Hawaiianisch Pihemánu – das bedeutet: Das laute Geschrei der Vögel. Zwischen den Ruinen eines verlassenen amerikanischen Luftwaffenstützpunktes treffen sich dort jedes Jahr, neben vielen anderen Seevögeln, auch über eine Million Schwarzfuß- und Laysanalbatrosse, um sich zu paaren und zu brüten. Sie nehmen sich für beides viel Zeit. Mehrere Jahre lang versammeln sich die jungen Albatrosse während der Brutsaison auf der Insel, bevor sie ihr erstes Ei ausbrüten. Ihre faszinierenden Paarungstänze dienen aber nicht nur der Partnerwahl. Der sich über Jahre hinziehende Tanz hilft den Paaren, sich gegenseitig immer besser kennenzulernen. Was mit einem wilden Singen, Schreien und Schnäbelklappern beginnt, endet als Synchrontanz, bei dem die Paare ihre Bewegungen genau aufeinander abstimmen. Es ist wichtig für die Vögel, den richtigen Partner oder die richtige Partnerin zu finden, denn sie bleiben ein Leben lang zusammen und müssen sich aufeinander verlassen können, wenn sie ihre Jungen aufziehen. Nichts darf dabei schiefgehen, denn die Weibchen legen höchstens einmal im Jahr ein Ei. Die Arbeitsteilung beginnt bereits beim Ausbrüten. Während einer der beiden Albatrosse bei Kälte, Sturm oder Hitze und trotz Hunger und Durst auf dem Ei ausharrt, ist das andere Tier oft tagelang auf dem Meer unterwegs, um Nahrung zu finden. Nach zwei Monaten schlüpft das Küken, das kann zwei Tage lang dauern. Die Eltern könnten ihm dabei helfen, aber das tun sie nicht, denn es ist wichtig, dass das Kleine Kraft entwickelt, indem es sich allein aus der harten Schale befreit. Die Eltern begnügen sich damit, das Küken mit ihren kräftigen Schnäbeln ermutigend und liebevoll zu streicheln. Während der nächsten Monate füttern sie ihr Junges, und das ist für beide eine Vollzeitbeschäftigung. Tagelang fliegen sie Tausende von Kilometern, bevor sie mit gefülltem Magen zurückkehren und ihrem Jungen die vorverdaute Nahrung in den Schnabel füllen.

So leben die Albatrosse seit Millionen von Jahren, und immer hat das Meer sie mit gesunder, organischer Nahrung versorgt. Ihr Instinkt sagt ihnen, dass sie dem Meer vertrauen können. Sie wissen nicht, dass die Ozeane sich seit Jahrzehnten mehr und mehr mit Plastikmüll füllen. Sie wissen auch nicht, dass sie in kilometerlangen Fischfangleinen hängenbleiben können, deren Köder sie mit Nahrung verwechseln. Sie ahnen nicht, dass sie nicht nur Tintenfische und Krebstiere schlucken, sondern auch Zahnbürsten, Schraubverschlüsse und Plastikgabeln, die die zarten Schleimhäute ihrer Küken verletzen, wenn sie damit gefüttert werden.

Nach sieben Monaten ist die Aufgabe der Eltern beendet, und sie kehren aufs Meer zurück. Von nun an müssen die Jungen selbst für sich sorgen, doch die nächste Mahlzeit befindet sich möglicherweise sehr viele Kilometer entfernt. Hunderttausende junger Albatrosse stehen dann gleichzeitig mit weit ausgebreiteten Flügeln am Strand. Alle warten auf den richtigen Wind, der ihnen als Starthilfe dient. Gelingt es ihnen, sich in die Luft zu erheben, werden sie die nächsten drei bis fünf Jahre auf dem Meer verbringen, bevor sie zum Paaren auf die Insel zurückkehren. Wenn der Flugversuch hingegen missglückt und sie in den Wellen landen, ist das ihr Ende. Werden ihre Flügel stark genug sein?

Eine wichtige Aufgabe müssen die jungen Albatrosse vor ihrem ersten Flug jedoch noch erledigen: Sie müssen ihren Magen von allem entleeren, das sie bisher nicht verdauen konnten. Aber wenn nun die harten Gegenstände, mit denen ihre Eltern sie unwissentlich gefüttert haben, zu groß oder zu scharf sind, um ausgespuckt zu werden? Wenn spitze Plastikteile, Filzstifte oder Cremeflaschen in ihrem schmalen Hals steckenbleiben? Tausenden von jungen Vögeln passiert genau das, und es ist ihr Todesurteil. Sie bleiben an Land, weil sie nicht abheben können, und sterben langsam und qualvoll.

Der Fotograf Chris Jordan hat eine Fotoserie über die Laysanalbatrosse auf Pihemánu gemacht. Eigentlich wollte er nur ein einziges Mal auf die Insel reisen, aber der Anblick der vielen toten Vogeljungen mit Bäuchen voller Plastikteile hat ihn derart erschüttert, dass er mehrmals zurückgekehrt ist, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Die Albatrosse haben ihm vertraut und ihn mit seiner Kamera ganz nah an sich herangelassen, denn sie kennen keine natürlichen Feinde auf den Inseln. Ihre Feinde sind der steigende Meeresspiegel, die immer heftigeren Stürme, der moderne Fischfang – und die Plastikabfälle im Meer.

Annette Herzog, basierend auf dem Film “Albatross” von Chris Jordan

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39 Wer hat Plastik erfunden?

Wer hat Plastik erfunden?

Bakelit, der erste vollsynthetische Kunststoff

New York, 1907. Leo Hendrik Baekeland experimentiert in seinem Labor. Er ist ein Mann mit Unternehmergeist. Schon als junger Mensch ist der begabte Chemiker aus seiner belgischen Heimatstadt Gent nach Amerika gezogen und hat hier ein Fotopapier entwickelt, das ihn schlagartig reich gemacht hat. Nun will er einen künst- lichen Stoff entdecken, der teure Naturmaterialien ersetzen soll.

Es ist die Zeit großer wissenschaftlicher und technischer Fortschritte. Die Industrialisierung stürmt voran. Medizinische Erkenntnisse und landwirtschaftliche Fortschritte führen zu einem nie dagewesenen Wachstum der Bevölkerung. Immer mehr Menschen müssen mit Nahrung, Kleidung und Dingen des täglichen Lebens ver- sorgt werden. Doch natürliche Ressourcen wie Wolle, Naturseide, Perlmutt, Horn oder Elfenbein sind oft nur in begrenzter Menge vorhanden, und viele von ihnen müssen mit Schiffen aus weit entfernten Teilen der Welt geholt werden.

Auch die Industrie verlangt nach neuen Werkstoffen, um die ersten Autos und neue Maschinen zu bauen und die schnell wachsenden Städte zu elektrifizieren. Besonders dringend sucht
man nach einem hitzebeständigen Material zur Isolation elektrischer Leitungen. Bisher wurde dafür Schellack verwendet, der aus dem Sekret der weiblichen roten Schildlaus gewonnen wird. Allerdings brauchen 15.000 Läuse ein ganzes Jahr, um nur ein Kilo Schellack zu produzieren. Zudem muss das Material aufwendig aus Indien und Thailand transportiert werden, wo die rote Schildlaus beheimatet ist.

Baekeland ist natürlich weder der Erste noch der Einzige, der künstliche Stoffe erfinden will. Schon ein halbes Jahrhundert vor ihm, 1839, hat der Amerikaner Charles Goodyear herausgefunden, wie sich aus dem Naturkautschuk tropischer Bäume, unter Zusatz von Schwefel und Hitze, Gummi herstellen lässt. Daraus wurden beispielsweise Füllfederhalter, Klaviertasten und Reifen produziert – und auch Radiergummis, so- dass man zum Radieren kein Brot mehr benutzen musste. Auch für die Umrandung von Billard- tischen erwies sich Gummi als geeignetes Material. Billard war zu dieser Zeit so beliebt wie heute die Computerspiele: Überall auf der Welt wurde es gespielt. Die Billardkugeln aber waren aus afrikanischem Elfenbein. Für die Produktion von nur drei Kugeln benötigte man einen ganzen Elefantenstoßzahn. Die Jagd war grausam und die Beschaffung des Elfenbeins teuer. Ein amerikanischer Billardspieler schrieb deshalb 1864 ein hohes Preisgeld für denjenigen aus, der einen Ersatzstoff für Billardkugeln finden würde.

Davon angespornt, entwickelte ein New Yorker Drucker namens John Wesley Hyatt fünf Jahre später Zelluloid, das auf der Basis von Zellulose, den Zelltrennwänden von Pflanzen, hergestellt wurde. Für Billardkugeln war das neue Material leider jedoch nicht geeignet, denn die Kugeln knallten beim Aufprall zu laut und prallten nicht gut genug voneinander ab. Hyatt erhielt den Preis deshalb nicht. Trotzdem hatte er mit Zelluloid den ersten thermoplastischen Kunststoff erfunden. Er gründete mit seinem Bruder mehrere Firmen, die von nun an Gegenstände aus Zelluloid produzierten, die vorher teure Luxusprodukte aus Elfenbein

waren, zum Beispiel Messergriffe, Kämme oder Modeschmuck. Zelluloid hatte allerdings einen großen Nachteil: Es war sehr schnell entflammbar.

In seinem New Yorker Privatlabor wittert Baekeland 1907 nun eine Chance, die ihm Geld und neuen Ruhm verspricht. Er beginnt, sich für Phenol und Formaldehyd zu interessieren. Beide Chemikalien sind häufige Abfallprodukte aus der chemischen Industrie und ausreichend vorhanden. Schon andere vor Baekeland hatten entdeckt, dass sich die beiden Stoffe zu einer teer- oder harzähnlichen Masse verbanden. Sie hatten diese Masse aber immer nur als ein störendes Nebenprodukt betrachtet, das die Reagenzgläser verklebte und zu nichts zu gebrauchen war.

Baekeland geht systematisch vor. Er entwickelt einen Druckbehälter und untersucht den Einfluss von Temperatur und Druck auf das Gemisch. Das Ergebnis? Lange Zeit passiert nichts. Bis er ein paar der farblosen Phenolkristalle in eine stechend riechende Formaldehydlösung wirft, diese auf fast 200 Grad Celsius erhitzt und einen weichen Stoff aus dem Wasser zieht, der sich in Formen pressen lässt und unter Wärme und Druck schnell hart wird. Das neue Material hat hervorragende Eigenschaften: Es fängt kein Feuer, schmilzt und bricht nicht, ist langlebig und leitet weder Wärme noch Elektrizität. Außerdem ist es günstig herzustellen. Baekeland meldet den Stoff als Patent an und benennt ihn, angelehnt an seinen Namen, Bakelit. Er hat damit einen Kunststoff entdeckt, der keine in der Natur bekannten Moleküle mehr enthält. So wird Bakelit zum ersten rein synthetischen Kunststoff und damit zum Vorgänger des modernen Plastik.

Nun hat die Elektroindustrie endlich ihren Isolierstoff und die Automobilindustrie ein hitzebeständiges und widerstandsfähiges Material. Mit Textilfasern versetzt, entstehen aus Bakelit auch Glühbirnenfassungen, Lautsprecher, Büroartikel, Radiogehäuse, Lichtschalter, Telefone sowie Griffe für Töpfe und Pfannen. Und nebenbei eignet es sich hervorragend für Billardkugeln! Typisch für die meisten Gegenstände aus Bakelit ist ihre braune oder schwarze Farbe, denn Bakelit dunkelt nach und wird deshalb von vornherein dunkel eingefärbt. Außerdem haben die Gegenstände kaum scharfe Ecken und Kanten, weil sich Bakelit nur aus abgerundeten Gussformen gut lösen lässt. Dadurch bestimmt das neue Material auch das Design der Produkte und beeinflusst den Geschmack jener Zeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

Heutzutage wird Bakelit nur noch dort verwendet, wo ein besonders hitzebeständiges Material zum Einsatz kommen soll, zum Beispiel bei Pfannenstielen. Die Entwicklung ist weitergegangen, und farbenfrohe Plastikarten mit noch besseren und vielfältigeren Eigenschaften haben Bakelit weitgehend abgelöst. Sie basieren jedoch alle auf Baekelands Entdeckung. Und viele Alltagsgegenstände aus Bakelit werden inzwischen begeistert gesammelt.

Annette Herzog

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GlossarBakelit Synthetisch Fotopapier Industrialisierung Ressourcen Industrie Schellack Zelluloid Zellulose Phenol Formaldehyd Moleküle

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53 Gibt es »bio«-abbaubares Plastik?

»Biologisch abbaubar« ist eine EU-weite Zertifizierung. Es bedeutet, dass in industriellen Kompostieranlagen nach zwölf Wochen nur 10% Rückstände vorhanden sein dürfen, die größer als zwei Millimeter sind. Ob diese Rückstände anschließend über einen bestimmten Zeitraum oder unter bestimmten Bedingungen abgebaut werden, das wird bisher nicht geprüft und ist deshalb unklar. In einer industriellen Kompostieranlage wird »bio«-abbaubares Plastik unter Einfluss von Sauerstoff zu CO2 und Wasser. Additive gibt es auch in diesem Plastik, sie gelangen ebenfalls in den Kompost.

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GlossarBiologisch abbaubar CO2 Organisch Additive

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Was ist das Problem mit Müll?

48 Wie kommt Plastik ins Meer?

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Was ist das Problem mit Müll?

47 Kann man Plastik aus dem Meer holen?

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Was ist das Problem mit Müll?

44 Woher kommt der Müll im Meer?

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GlossarOffshore-Industrie Aquakultur

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Worum geht es bei Plastik?

41 Wie lange wird Plastik verwendet?

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Was ist das Problem mit Müll?

34 Wodurch wird Recycling verhindert?

1 PE-HD
2 PE-LD
3 Papier/Karton
4 PP
5 Farbe
6 Aluminium mit einer PE, PP oder PA

Viele Verpackungen sind aus verschiedenen Schichten, die fest miteinander verbunden sind. Die unterschiedlichen Materialsorten lassen sich kaum wieder voneinander trennen. Recycling, das zur Herstellung eines gleichwertigen Produktes führen soll, ist nur möglich, wenn jedes Material einzeln und somit getrennt vorliegt.

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GlossarPE-HD PE-LD PP PA Recycling

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