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68 Wie lebt man mit einer Plastikfabrik?

Wie lebt man mit einer Plastikfabrik?

Die Herstellung von Neopren in Louisiana

Magst du Dinge, die aus Neopren hergestellt sind? Du kennst sie sicher als Computertasche, als Gummistiefel oder als Schwimm-, Surf- und Tauchanzug. Im Wassersport wird gern Neoprenkleidung getragen, weil sie weich und wärmend ist und schick und modern aussieht. Auch in Medizin und Industrie ist der Kunststoff Neopren gefragt. Aber es gibt Menschen, deren Gesundheit durch die Herstellung von Neopren stark gefährdet wird.

Zum Beispiel Robert Taylors Familie. Der Achtzigjährige lebt im Süden der USA, in Reserve, einer Kleinstadt im Bundesstaat Louisiana. Die Landschaft am Mississippi ist flach und frucht- bar. Vor allem afroamerikanische Familien wohnen hier. Ihre Vorfahren waren auf den Zuckerrohrplantagen Louisianas versklavt. Nach dem Ende der Sklaverei bauten sich die Familien über mehrere Generationen mit harter Arbeit in der Landwirtschaft eine bescheidene Existenz auf. Mit ihrem wenigen ersparten Geld errichteten sie Häuser, um ihren Nachfahren ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch heute wünscht Robert Taylor niemandem, in seiner Stadt zu wohnen, denn die Luft, die die Menschen hier einatmen, ist vergiftet. Der Grund dafür sind die 140 Plastik- und Chemiefabriken, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Gegend gebaut wurden. Für die Wahl des Standortes gibt es mehrere Gründe: Das Land ist günstig, das Fracking-Gas billig, und durch die Nähe zum Golf von Mexiko können die Produkte leicht verschifft werden. Außerdem rechnet niemand damit, dass sich die finanziell schwache Bevölkerung zur Wehr setzt.

Reserve liegt in der Gemeinde St. John the Baptist, mitten in der Cancer Alley, der Krebsallee, wie die Strecke entlang des Mississippi zwischen Baton Rouge und New Orleans von der Bevöl- kerung genannt wird. Fast alle in der kleinen Stadt haben Familienmitglieder, die an Krebs gestorben sind. Viele Menschen leiden an bösartigen Tumoren oder an anderen Krankheiten, wie Störungen des Immunsystems, Magen- Darmerkankungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder Herzrasen. Die Ansässigen haben schon lange geahnt, dass sie überdurchschnittlich oft erkranken, sie konnten es nur nicht beweisen.

Erst im Jahr 2015 hat die amerikanische Umweltagentur EPA bestätigt, dass das Krebsrisiko in dieser Gegend das höchste in ganz Amerika ist. In Reserve liegt es 50 Mal über dem US-Durchschnitt. Entlang der Cancer Alley hat man 45 verschiedene giftige Industrieabgase in der Luft gemessen. Ein solches Gemisch macht es unmöglich, einzelne Krankheiten auf bestimmte Chemikalien zurückzuführen und somit nachzuweisen, welche der Plastik- oder Chemiefabriken sie verursacht. Deshalb kann keine Firma zur Rechenschaft gezogen werden.

Lediglich Chloropren lässt sich eindeutig einer Fabrik zuordnen, denn es wird nur bei der Herstellung von Neopren freigesetzt. Nur die japanische Firma Denka, die bis 2015 zum Plastikunternehmen DuPont gehörte, stellt in den USA Neopren her. Die Firma liegt nur einen Steinwurf von Reserve entfernt. Als die Menschen in der Kleinstadt erfuhren, dass sie seit 50 Jahren ein Giftgas einatmen, das von der Internationalen

Agentur für Krebsforschung als »wahrscheinlich krebserregend« eingestuft wird, waren sie entsetzt und wütend. Gleichzeitig machte sich
auch Erleichterung breit: Mit konkreten Fakten und Zahlen würde sich endlich etwas ändern, glaubten sie. Die Fabrik würde schließen oder den Chloroprenausstoß stark reduzieren müssen.

Aber sie wurden enttäuscht. Niemand will gegen die Neoprenfabrik vorgehen, denn die Firma sorgt für Arbeitsplätze und bringt dem Staat Steuergelder. Denka hat sich 2017 unter dem öffentlichen Druck zwar freiwillig verpflichtet, den Ausstoß von Chloropren zu senken, aber die von der Umweltagentur empfohlenen Höchstwerte werden immer wieder um ein 100faches überschritten. »Für die Firma spielt nur Geld eine Rolle«, sagt Robert Taylor bitter. Seine Mutter, zwei seiner Geschwister, sein Lieblingscousin und dessen Sohn sowie mehrere Nachbar*innen sind an Krebs gestorben. Seine Frau leidet an Brustkrebs und Multipler Sklerose und musste deshalb wegziehen. Robert Taylors Tochter kann auf Grund einer vermutlich durch Chloropren verursachten Krankheit des Verdauungssystems nicht mehr arbeiten. Robert Taylor ist so verzweifelt, dass er die Widerstandsgruppe Concerned Citizens of St. John mitgründet. Bei den wöchentlichen Treffen in der lokalen Kirche klärt er Anwohner*innen auf und ermutigt sie, sich zu wehren. Gemeinsam wälzen sie Dokumente, Gesetze und Forschungsberichte und laden Vertreter von Presse, Regierung und Industrie ein. Sie haben sich mit nationalen und internationalen Umweltorganisationen vernetzt, die sie unterstützen und ihrem Protest mehr Gewicht verleihen.

Anfangs schien der Kampf gegen die Industrie aussichtslos, denn sie scheut keine Mittel, ihre Interessen zu verteidigen. Plastik- giganten wie Denka können sich die beste juristische Beratung leisten und bezahlen wissenschaftliche Studien, die die Zahlen der Umweltagentur anfechten und die Unschädlichkeit der Abgase beweisen sollen. Auch von der amerikanischen Umweltagentur sind die Bewohner*innen Reserves enttäuscht. Die Agentur zieht es vor, Proteste in reicheren Gegenden zu unterstützen, wo überwiegend weiße Menschen wohnen. In anderen Regionen kämpfen Anwohner*innen von Plastikfirmen ebenfalls gegen die Luftverschmutzung, aber im Gegensatz zu Reserve haben sie meist mehr Geld und die notwendigen Beziehungen, um sich Gehör zu verschaffen. Das Chloroprenproblem gäbe es nur in unmittelbarer Nähe der Neoprenfabrik, sagt die Agentur, und will sich lieber auf Giftgasemissionen konzentrieren, die mehr Menschen betreffen.

Aber Robert Taylor und seine Mitstreiter*innen geben nicht auf. Die Chemiefirmen sollen wissen, dass man ihnen auf die Finger schaut. Die Menschen wollen dort leben, wo ihre Familien schon immer gewohnt haben. Auch wenn es ein langer und mühsamer Weg ist, haben sie inzwischen etwas erreicht: Das Gericht hat ihrer Klage gegen Denka stattgegeben. Das ist ein großer Erfolg.

Annette Herzog interviewte Jane Patton 

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GlossarNeopren Industrie Chloropren Emissionen

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