{"id":4983,"date":"2021-08-12T18:03:10","date_gmt":"2021-08-12T16:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/plastic.boell.org\/?p=4983"},"modified":"2021-08-28T16:34:28","modified_gmt":"2021-08-28T14:34:28","slug":"wie-lebt-man-mit-einer-plastikfabrik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-lebt-man-mit-einer-plastikfabrik\/","title":{"rendered":"68 Wie lebt man mit einer Plastikfabrik?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Wie lebt man mit einer Plastikfabrik?<\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Die Herstellung von Neopren in Louisiana<\/h5>\n\n\n\n<p>Magst du Dinge, die aus <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a> hergestellt sind? Du kennst sie sicher als Computertasche, als Gummistiefel oder als Schwimm-, Surf- und Tauchanzug. Im Wassersport wird gern <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a>kleidung getragen, weil sie weich und w\u00e4rmend ist und schick und modern aussieht. Auch in Medizin und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> ist der Kunststoff <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a> gefragt. Aber es gibt Menschen, deren Gesundheit durch die Herstellung von <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a> stark gef\u00e4hrdet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel Robert Taylors Familie. Der Achtzigj\u00e4hrige lebt im S\u00fcden der USA, in Reserve, einer Kleinstadt im Bundesstaat Louisiana. Die Landschaft am Mississippi ist flach und frucht- bar. Vor allem afroamerikanische Familien wohnen hier. Ihre Vorfahren waren auf den Zuckerrohrplantagen Louisianas versklavt. Nach dem Ende der Sklaverei bauten sich die Familien \u00fcber mehrere Generationen mit harter Arbeit in der Landwirtschaft eine bescheidene Existenz auf. Mit ihrem wenigen ersparten Geld errichteten sie H\u00e4user, um ihren Nachfahren ein besseres Leben zu erm\u00f6glichen. Doch heute w\u00fcnscht Robert Taylor niemandem, in seiner Stadt zu wohnen, denn die Luft, die die Menschen hier einatmen, ist vergiftet. Der Grund daf\u00fcr sind die 140 Plastik- und Chemiefabriken, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Gegend gebaut wurden. F\u00fcr die Wahl des Standortes gibt es mehrere Gr\u00fcnde: Das Land ist g\u00fcnstig, das Fracking-Gas billig, und durch die N\u00e4he zum Golf von Mexiko k\u00f6nnen die Produkte leicht verschifft werden. Au\u00dferdem rechnet niemand damit, dass sich die finanziell schwache Bev\u00f6lkerung zur Wehr setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Reserve liegt in der Gemeinde St. John the Baptist, mitten in der Cancer Alley, der Krebsallee, wie die Strecke entlang des Mississippi zwischen Baton Rouge und New Orleans von der Bev\u00f6l- kerung genannt wird. Fast alle in der kleinen Stadt haben Familienmitglieder, die an Krebs gestorben sind. Viele Menschen leiden an b\u00f6sartigen Tumoren oder an anderen Krankheiten, wie St\u00f6rungen des Immunsystems, Magen- Darmerkankungen, Kopfschmerzen, \u00dcbelkeit, Schwindel oder Herzrasen. Die Ans\u00e4ssigen haben schon lange geahnt, dass sie \u00fcberdurchschnittlich oft erkranken, sie konnten es nur nicht beweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst im Jahr 2015 hat die amerikanische Umweltagentur EPA best\u00e4tigt, dass das Krebsrisiko in dieser Gegend das h\u00f6chste in ganz Amerika ist. In Reserve liegt es 50 Mal \u00fcber dem US-Durchschnitt. Entlang der Cancer Alley hat man 45 verschiedene giftige Industrieabgase in der Luft gemessen. Ein solches Gemisch macht es unm\u00f6glich, einzelne Krankheiten auf bestimmte Chemikalien zur\u00fcckzuf\u00fchren und somit nachzuweisen, welche der Plastik- oder Chemiefabriken sie verursacht. Deshalb kann keine Firma zur Rechenschaft gezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Lediglich <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#chloropren\">Chloropren<\/a> l\u00e4sst sich eindeutig einer Fabrik zuordnen, denn es wird nur bei der Herstellung von <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a> freigesetzt. Nur die japanische Firma Denka, die bis 2015 zum Plastikunternehmen DuPont geh\u00f6rte, stellt in den USA <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a> her. Die Firma liegt nur einen Steinwurf von Reserve entfernt. Als die Menschen in der Kleinstadt erfuhren, dass sie seit 50 Jahren ein Giftgas einatmen, das von der Internationalen<\/p>\n\n\n\n<p>Agentur f\u00fcr Krebsforschung als \u00bbwahrscheinlich krebserregend\u00ab eingestuft wird, waren sie entsetzt und w\u00fctend. Gleichzeitig machte sich<br>auch Erleichterung breit: Mit konkreten Fakten und Zahlen w\u00fcrde sich endlich etwas \u00e4ndern, glaubten sie. Die Fabrik w\u00fcrde schlie\u00dfen oder den <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#chloropren\">Chloropren<\/a>aussto\u00df stark reduzieren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sie wurden entt\u00e4uscht. Niemand will gegen die <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a>fabrik vorgehen, denn die Firma sorgt f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze und bringt dem Staat Steuergelder. Denka hat sich 2017 unter dem \u00f6ffentlichen Druck zwar freiwillig verpflichtet, den Aussto\u00df von <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#chloropren\">Chloropren<\/a> zu senken, aber die von der Umweltagentur empfohlenen H\u00f6chstwerte werden immer wieder um ein 100faches \u00fcberschritten. \u00bbF\u00fcr die Firma spielt nur Geld eine Rolle\u00ab, sagt Robert Taylor bitter. Seine Mutter, zwei seiner Geschwister, sein Lieblingscousin und dessen Sohn sowie mehrere Nachbar*innen sind an Krebs gestorben. Seine Frau leidet an Brustkrebs und Multipler Sklerose und musste deshalb wegziehen. Robert Taylors Tochter kann auf Grund einer vermutlich durch <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#chloropren\">Chloropren<\/a> verursachten Krankheit des Verdauungssystems nicht mehr arbeiten. Robert Taylor ist so verzweifelt, dass er die Widerstandsgruppe Concerned Citizens of St. John mitgr\u00fcndet. Bei den w\u00f6chentlichen Treffen in der lokalen Kirche kl\u00e4rt er Anwohner*innen auf und ermutigt sie, sich zu wehren. Gemeinsam w\u00e4lzen sie Dokumente, Gesetze und Forschungsberichte und laden Vertreter von Presse, Regierung und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> ein. Sie haben sich mit nationalen und internationalen Umweltorganisationen vernetzt, die sie unterst\u00fctzen und ihrem Protest mehr Gewicht verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs schien der Kampf gegen die <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> aussichtslos, denn sie scheut keine Mittel, ihre Interessen zu verteidigen. Plastik- giganten wie Denka k\u00f6nnen sich die beste juristische Beratung leisten und bezahlen wissenschaftliche Studien, die die Zahlen der Umweltagentur anfechten und die Unsch\u00e4dlichkeit der Abgase beweisen sollen. Auch von der amerikanischen Umweltagentur sind die Bewohner*innen Reserves entt\u00e4uscht. Die Agentur zieht es vor, Proteste in reicheren Gegenden zu unterst\u00fctzen, wo \u00fcberwiegend wei\u00dfe Menschen wohnen. In anderen Regionen k\u00e4mpfen Anwohner*innen von Plastikfirmen ebenfalls gegen die Luftverschmutzung, aber im Gegensatz zu Reserve haben sie meist mehr Geld und die notwendigen Beziehungen, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Das <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#chloropren\">Chloropren<\/a>problem g\u00e4be es nur in unmittelbarer N\u00e4he der <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a>fabrik, sagt die Agentur, und will sich lieber auf Giftgas<a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#emissionen\">emissionen<\/a> konzentrieren, die mehr Menschen betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Robert Taylor und seine Mitstreiter*innen geben nicht auf. Die Chemiefirmen sollen wissen, dass man ihnen auf die Finger schaut. Die Menschen wollen dort leben, wo ihre Familien schon immer gewohnt haben. Auch wenn es ein langer und m\u00fchsamer Weg ist, haben sie inzwischen etwas erreicht: Das Gericht hat ihrer Klage gegen Denka stattgegeben. Das ist ein gro\u00dfer Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.deutsch.annetteherzog.com\/\" target=\"_blank\">Annette Herzog<\/a> interviewte <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.ciel.org\/about-us\/ciel-staff\/jane-patton\/\" target=\"_blank\">Jane Patton<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n<h4 class=\"related-heading\">Weiterlesen<\/h4><div class=\"relateds\"><div class=\"related-item category-5\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/was-sind-additive\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/13_plastic_I_k213.svg\" alt=\"Was sind Additive?\" \/><h3 class=\"title\">Was sind Additive?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-9\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/macht-plastik-krank\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/16_plastic_I_k213-1.svg\" alt=\"Macht Plastik krank?\" \/><h3 class=\"title\">Macht Plastik krank?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-5\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/was-ist-fracking\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/59_plastic_k213-1.svg\" alt=\"Was ist Fracking?\" \/><h3 class=\"title\">Was ist Fracking?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n<div id=\"post_navi\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/?post_type=post&#038;p=4855\">weiter<\/a><\/div>\n\n\n<p class=\"glossary\"><span class=\"title\">Glossar<\/span><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#neopren\">Neopren<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#chloropren\">Chloropren<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#emissionen\">Emissionen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/quellen#68\">Quellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie lebt man mit einer Plastikfabrik? 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