{"id":4963,"date":"2021-08-12T18:03:28","date_gmt":"2021-08-12T16:03:28","guid":{"rendered":"https:\/\/plastic.boell.org\/?p=4963"},"modified":"2021-08-28T16:32:09","modified_gmt":"2021-08-28T14:32:09","slug":"wer-hat-plastik-erfunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wer-hat-plastik-erfunden\/","title":{"rendered":"39 Wer hat Plastik erfunden?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Wer hat Plastik erfunden?<\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Bakelit, der erste vollsynthetische Kunststoff<\/h5>\n\n\n\n<p>New York, 1907. Leo Hendrik Baekeland experimentiert in seinem Labor. Er ist ein Mann mit Unternehmergeist. Schon als junger Mensch ist der begabte Chemiker aus seiner belgischen Heimatstadt Gent nach Amerika gezogen und hat hier ein <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#fotopapier\">Fotopapier<\/a> entwickelt, das ihn schlagartig reich gemacht hat. Nun will er einen k\u00fcnst- lichen Stoff entdecken, der teure Naturmaterialien ersetzen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die Zeit gro\u00dfer wissenschaftlicher und technischer Fortschritte. Die <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrialisierung\">Industrialisierung<\/a> st\u00fcrmt voran. Medizinische Erkenntnisse und landwirtschaftliche Fortschritte f\u00fchren zu einem nie dagewesenen Wachstum der Bev\u00f6lkerung. Immer mehr Menschen m\u00fcssen mit Nahrung, Kleidung und Dingen des t\u00e4glichen Lebens ver- sorgt werden. Doch nat\u00fcrliche <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#ressourcen\">Ressourcen<\/a> wie Wolle, Naturseide, Perlmutt, Horn oder Elfenbein sind oft nur in begrenzter Menge vorhanden, und viele von ihnen m\u00fcssen mit Schiffen aus weit entfernten Teilen der Welt geholt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> verlangt nach neuen Werkstoffen, um die ersten Autos und neue Maschinen zu bauen und die schnell wachsenden St\u00e4dte zu elektrifizieren. Besonders dringend sucht<br>man nach einem hitzebest\u00e4ndigen Material zur Isolation elektrischer Leitungen. Bisher wurde daf\u00fcr <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#schellack\">Schellack<\/a> verwendet, der aus dem Sekret der weiblichen roten Schildlaus gewonnen wird. Allerdings brauchen 15.000 L\u00e4use ein ganzes Jahr, um nur ein Kilo <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#schellack\">Schellack<\/a> zu produzieren. Zudem muss das Material aufwendig aus Indien und Thailand transportiert werden, wo die rote Schildlaus beheimatet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Baekeland ist nat\u00fcrlich weder der Erste noch der Einzige, der k\u00fcnstliche Stoffe erfinden will. Schon ein halbes Jahrhundert vor ihm, 1839, hat der Amerikaner Charles Goodyear herausgefunden, wie sich aus dem Naturkautschuk tropischer B\u00e4ume, unter Zusatz von Schwefel und Hitze, Gummi herstellen l\u00e4sst. Daraus wurden beispielsweise F\u00fcllfederhalter, Klaviertasten und Reifen produziert \u2013 und auch Radiergummis, so- dass man zum Radieren kein Brot mehr benutzen musste. Auch f\u00fcr die Umrandung von Billard- tischen erwies sich Gummi als geeignetes Material. Billard war zu dieser Zeit so beliebt wie heute die Computerspiele: \u00dcberall auf der Welt wurde es gespielt. Die Billardkugeln aber waren aus afrikanischem Elfenbein. F\u00fcr die Produktion von nur drei Kugeln ben\u00f6tigte man einen ganzen Elefantensto\u00dfzahn. Die Jagd war grausam und die Beschaffung des Elfenbeins teuer. Ein amerikanischer Billardspieler schrieb deshalb 1864 ein hohes Preisgeld f\u00fcr denjenigen aus, der einen Ersatzstoff f\u00fcr Billardkugeln finden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon angespornt, entwickelte ein New Yorker Drucker namens John Wesley Hyatt f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zelluloid\">Zelluloid<\/a>, das auf der Basis von <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zellulose\">Zellulose<\/a>, den Zelltrennw\u00e4nden von Pflanzen, hergestellt wurde. F\u00fcr Billardkugeln war das neue Material leider jedoch nicht geeignet, denn die Kugeln knallten beim Aufprall zu laut und prallten nicht gut genug voneinander ab. Hyatt erhielt den Preis deshalb nicht. Trotzdem hatte er mit <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zelluloid\">Zelluloid<\/a> den ersten thermoplastischen Kunststoff erfunden. Er gr\u00fcndete mit seinem Bruder mehrere Firmen, die von nun an Gegenst\u00e4nde aus <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zelluloid\">Zelluloid<\/a> produzierten, die vorher teure Luxusprodukte aus Elfenbein<\/p>\n\n\n\n<p>waren, zum Beispiel Messergriffe, K\u00e4mme oder Modeschmuck. <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zelluloid\">Zelluloid<\/a> hatte allerdings einen gro\u00dfen Nachteil: Es war sehr schnell entflammbar.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem New Yorker Privatlabor wittert Baekeland 1907 nun eine Chance, die ihm Geld und neuen Ruhm verspricht. Er beginnt, sich f\u00fcr <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#phenol\">Phenol<\/a> und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#formaldehyd\">Formaldehyd<\/a> zu interessieren. Beide Chemikalien sind h\u00e4ufige Abfallprodukte aus der chemischen <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> und ausreichend vorhanden. Schon andere vor Baekeland hatten entdeckt, dass sich die beiden Stoffe zu einer teer- oder harz\u00e4hnlichen Masse verbanden. Sie hatten diese Masse aber immer nur als ein st\u00f6rendes Nebenprodukt betrachtet, das die Reagenzgl\u00e4ser verklebte und zu nichts zu gebrauchen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Baekeland geht systematisch vor. Er entwickelt einen Druckbeh\u00e4lter und untersucht den Einfluss von Temperatur und Druck auf das Gemisch. Das Ergebnis? Lange Zeit passiert nichts. Bis er ein paar der farblosen <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#phenol\">Phenol<\/a>kristalle in eine stechend riechende <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#formaldehyd\">Formaldehyd<\/a>l\u00f6sung wirft, diese auf fast 200 Grad Celsius erhitzt und einen weichen Stoff aus dem Wasser zieht, der sich in Formen pressen l\u00e4sst und unter W\u00e4rme und Druck schnell hart wird. Das neue Material hat hervorragende Eigenschaften: Es f\u00e4ngt kein Feuer, schmilzt und bricht nicht, ist langlebig und leitet weder W\u00e4rme noch Elektrizit\u00e4t. Au\u00dferdem ist es g\u00fcnstig herzustellen. Baekeland meldet den Stoff als Patent an und benennt ihn, angelehnt an seinen Namen, <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a>. Er hat damit einen Kunststoff entdeckt, der keine in der Natur bekannten <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#molek%C3%BCle\">Molek\u00fcle<\/a> mehr enth\u00e4lt. So wird <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> zum ersten rein <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#synthetisch\">synthetischen<\/a> Kunststoff und damit zum Vorg\u00e4nger des modernen Plastik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat die Elektro<a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">industrie<\/a> endlich ihren Isolierstoff und die Automobilindustrie ein hitzebest\u00e4ndiges und widerstandsf\u00e4higes Material. Mit Textilfasern versetzt, entstehen aus <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> auch Gl\u00fchbirnenfassungen, Lautsprecher, B\u00fcroartikel, Radiogeh\u00e4use, Lichtschalter, Telefone sowie Griffe f\u00fcr T\u00f6pfe und Pfannen. Und nebenbei eignet es sich hervorragend f\u00fcr Billardkugeln! Typisch f\u00fcr die meisten Gegenst\u00e4nde aus <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> ist ihre braune oder schwarze Farbe, denn <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> dunkelt nach und wird deshalb von vornherein dunkel eingef\u00e4rbt. Au\u00dferdem haben die Gegenst\u00e4nde kaum scharfe Ecken und Kanten, weil sich <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> nur aus abgerundeten Gussformen gut l\u00f6sen l\u00e4sst. Dadurch bestimmt das neue Material auch das Design der Produkte und beeinflusst den Geschmack jener Zeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutzutage wird <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> nur noch dort verwendet, wo ein besonders hitzebest\u00e4ndiges Material zum Einsatz kommen soll, zum Beispiel bei Pfannenstielen. Die Entwicklung ist weitergegangen, und farbenfrohe Plastikarten mit noch besseren und vielf\u00e4ltigeren Eigenschaften haben <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> weitgehend abgel\u00f6st. Sie basieren jedoch alle auf Baekelands Entdeckung. Und viele Alltagsgegenst\u00e4nde aus <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> werden inzwischen begeistert gesammelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.deutsch.annetteherzog.com\/\" target=\"_blank\">Annette Herzog<\/a><\/p>\n\n\n<h4 class=\"related-heading\">Weiterlesen<\/h4><div class=\"relateds\"><div class=\"related-item category-5\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/seit-wann-gibt-es-plastik\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/40_plastic_k213-1.svg\" alt=\"Seit wann gibt es Plastik?\" \/><h3 class=\"title\">Seit wann gibt es Plastik?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-11\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-stoppen-wir-die-plastikflut\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/61_plastic_k213-1.svg\" alt=\"Wie stoppen wir die Plastikflut?\" \/><h3 class=\"title\">Wie stoppen wir die Plastikflut?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-5\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/was-ist-plastik\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/10_plastic_I_k213.svg\" alt=\"Was ist Plastik?\" \/><h3 class=\"title\">Was ist Plastik?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n<div id=\"post_navi\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/?post_type=post&#038;p=4175\">weiter<\/a><\/div>\n\n\n<p class=\"glossary\"><span class=\"title\">Glossar<\/span><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#bekalit\">Bakelit<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#synthetisch\">Synthetisch<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#fotopapier\">Fotopapier<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrialisierung\">Industrialisierung<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#ressourcen\">Ressourcen<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#industrie\">Industrie<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#schellack\">Schellack<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zelluloid\">Zelluloid<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zellulose\">Zellulose<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#phenol\">Phenol<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#formaldehyd\">Formaldehyd<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#molek\u00fcle\">Molek\u00fcle<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/quellen#39\">Quellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer hat Plastik erfunden? 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