{"id":4951,"date":"2021-08-12T18:03:29","date_gmt":"2021-08-12T16:03:29","guid":{"rendered":"https:\/\/plastic.boell.org\/?p=4951"},"modified":"2021-08-12T18:03:29","modified_gmt":"2021-08-12T16:03:29","slug":"27-kann-man-von-muell-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/27-kann-man-von-muell-leben\/","title":{"rendered":"27 Kann man von M\u00fcll leben?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Kann man von M\u00fcll leben?<\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">M\u00fcllsammeln in Nordmazedonien<\/h5>\n\n\n\n<p>Zekia Memedov lebt vom M\u00fcll, seit sie sich erinnern kann. Schon als kleines M\u00e4dchen hat sie M\u00fcllcontainer durchsucht, statt in die Schule zu gehen. Sie hat daraus hervorgeholt, was sie verkaufen konnte. Sp\u00e4ter haben ihre eigenen Kinder dasselbe getan. Alle in der Familie m\u00fcssen zum Lebensunterhalt beitragen, f\u00fcr die Schule bleibt da kaum Zeit. Au\u00dferdem r\u00fcmpfen andere in der Klasse die Nase \u00fcber die M\u00fcll sammelnden Kinder. \u00bbDu stinkst! Du hast L\u00e4use!\u00ab, rufen sie. Wie soll man sich auch waschen, wenn man zu Hause nicht einmal flie\u00dfend Wasser hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zekia ist 47 Jahre alt und lebt in Nordmazedonien, mitten in Europa. Genau wie ihr Mann Rahim geh\u00f6rt sie zu den Rom*nja, einer europ\u00e4ischen Minderheit, deren Angeh\u00f6rige meist arm sind und von der Gesellschaft diskriminiert werden. Bis vor kurzem hat Zekia mit etwa 50 anderen Rom*nja in einem Lager aus Zelten und improvisierten Verschl\u00e4gen am Fluss Vardar am Rand der Hauptstadt Skopje gewohnt. Ihr Mann Rahim ist in einem Waisenheim aufgewachsen und hat als Einziger der Gemeinschaft einen Schulabschluss. Das bringt ihm die Achtung der anderen ein, auch wenn Rahim seine Berufsausbildung als Baggerfahrer vorzeitig abgebrochen hat. Zekia war 16 Jahre alt und Rahim 17,<br>als ihr erster Sohn geboren wurde. Sp\u00e4ter kamen sechs weitere Kinder hinzu. Ihre Behausung ist mit Gegenst\u00e4nden ausgestattet, die sie gefunden haben. Alle im Lager waschen sich und ihre Kleidung mit Flusswasser, und sie essen, was sie von ihrem geringen Lohn erwerben k\u00f6nnen. Es ist weder ausreichend noch gesund. Dabei leisten sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag f\u00fcr die Umwelt: Sie sammeln 80% des M\u00fclls, der sp\u00e4ter recycelt werden kann. In den L\u00e4ndern, in denen es keine funktionierende \u00f6ffentliche M\u00fclltrennung gibt, \u00fcbernehmen immer die \u00e4rmsten Randgruppen der Gesellschaft diese undankbare Aufgabe und werden daf\u00fcr doppelt verachtet. Aber f\u00fcr viele Menschen ist diese Arbeit die einzige M\u00f6glichkeit, sich selbst zu versorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fr\u00fch am Morgen ziehen die Familien los, die M\u00e4nner getrennt von den Frauen, die mit ihren j\u00fcngsten Kindern zusammen gehen. Jugendliche ab 11 Jahren bleiben in Gruppen. Sie haben Fahrr\u00e4der mit Anh\u00e4ngern und reichlich Platz f\u00fcr die gro\u00dfen S\u00e4cke, in die der M\u00fcll sortiert wird. Zekia wei\u00df genau, wann die Menschen in den Wohnvierteln Skopjes zur Arbeit gehen und auf dem Weg ihre T\u00fcten mit Haushaltsm\u00fcll entsorgen. M\u00fcll wird in Nordmazedonien kaum getrennt. Egal ob Glas, Papier, Plastik, Essensreste, Windeln oder <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#toxisch\">giftige<\/a> Reinigungsmittel \u2013 alles landet in einem Container. Oft sind es die Kinder, die hineinklettern und das herausfischen, was sich zu Geld machen l\u00e4sst. Fr\u00fcher waren es Pappe, Papier, Glas und Metalldosen, heute sind es vor allem <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#PET\">PET<\/a>-Flaschen. Ob Zekia und Rahim Pappe und Papier sammeln, h\u00e4ngt von den aktuellen Preisen ab. Oft lohnt es sich nicht. Plastikt\u00fcten lassen sie liegen, sie wiegen nichts und bringen keinen Verdienst. Auch Verpackungen, die aus mehreren Sorten Plastik bestehen, haben keinen Wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit ist ungesund und gef\u00e4hrlich. Manchmal explodieren Sprayflaschen. Manchmal ist ein toter Hund in eine Plastikt\u00fcte gewickelt. Wenn sie sich an scharfen Glas- oder Metallkanten<\/p>\n\n\n\n<p>schneiden, verbinden sie ihre Wunden mit schmutzigen Lappen. Sie kommen mit <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#toxisch\">giftigen<\/a> Stoffen und mit Fliegen, Ratten und Kakerlaken in Kontakt, die Krankheiten \u00fcbertragen k\u00f6nnen. Viele Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit M\u00fcllsammeln verdienen, leiden an Hautausschl\u00e4gen, Magen-Darm-Krankheiten, Typhus oder Cholera. Oft haben sie keine Krankenversicherung und kaum Zugang zu medizinischer Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die M\u00fcllsammelnden mit ihrer Arbeit etwas N\u00fctzliches f\u00fcr die Umwelt leisten, werden sie von den Beh\u00f6rden als \u00bbgr\u00fcne\u00ab Arbeitskraft bezeichnet. Die Menschen selber sehen sich so nicht, f\u00fcr sie geht es nur ums \u00dcberleben. Oft legen sie 40 Kilometer am Tag zur\u00fcck. Abends geben sie ihren Ertrag bei einer privaten Sammelstelle ab. Im Durchschnitt erhalten sie 0,16 Euro pro Kilogramm Plastik. Die Sammelstelle verkauft das Kilo f\u00fcr drei Euro weiter. Auch andere verdienen gut am Weiterverkauf und Export von M\u00fcll, der recycelt werden kann und somit Rohstoffe spart. Ein Mann kann an einem Tag zwischen acht und neun Euro verdienen. Frauen, die w\u00e4hrend der Arbeit auf ihre Kinder achten m\u00fcssen, sammeln oft weniger und verdienen meist nur die H\u00e4lfte. Dieses Einkommen liegt unter der Armutsgrenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem leben 3.000 der etwa zwei Millionen Einwohner*innen Nordmazedoniens vom M\u00fcllsammeln. Auch in S\u00fcdamerika, Indien oder auf den Philippinen gibt es viele M\u00fcllsammler*innen, doch dort haben sie sich inzwischen zu <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#genossenschaft\">Genossenschaften<\/a> zusammengeschlossen, die ihnen einen festen Lohn, eine Krankenversicherung und bessere Arbeitsbedingungen garantieren.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#genossenschaft\">Genossenschaften<\/a> k\u00f6nnen auch <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#kredit\">Kredite<\/a> bei den Banken aufnehmen und Fahrzeuge und Maschinen kaufen, die den M\u00fcll sortieren, zer- kleinern oder zusammenpressen. So k\u00f6nnen die M\u00fcllsammler*innen ihn ohne Zwischenhandel weiterverkaufen und verdienen mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Modell haben die nordmazedonischen M\u00fcllsammler*innen noch nicht entwickelt. Es gibt aber Organisationen, die ihnen helfen. Sie fordern zum Beispiel, dass die Menschen von den Entsorgungs- und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#recycling\">Recycling<\/a> betrieben fest angestellt werden. Auf diese Weise k\u00f6nnte man ihre Erfahrungen mit M\u00fclltrennung nutzen, denn niemand kennt sich mit dem Abfall der Konsumgesellschaft so gut aus wie sie. Das k\u00e4me der Umwelt zugute und w\u00fcrde gleichzeitig ihre Lebensbedingungen verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hilfe der Organisation Ajde Makedonijas konnten Zekia und ihre Familie vor kurzem aus dem Rom*nja-Lager in einen Zweiraum-Bunga- low einer neu errichteten Siedlung ziehen. Es gibt flie\u00dfend Wasser, alle sind krankenversichert und bekommen Hilfe von einer Fachkraft f\u00fcr Sozialarbeit, die f\u00fcr Fragen zur Verf\u00fcgung steht. Wer die Kinder in die Schule schickt, erh\u00e4lt t\u00e4glich kostenlos ein Essen, das von Superm\u00e4rkten und Restaurants gespendet wird. Mit dem M\u00fcllsammeln macht Zekia trotzdem weiter. Das ist ihr Beruf, etwas anderes hat sie nie gelernt, und sie kennt sich mit M\u00fcll so gut aus wie nur wenige.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.deutsch.annetteherzog.com\/\" target=\"_blank\">Annette Herzog<\/a> interviewte <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/zerowasteeurope.eu\/2019\/12\/meet-our-members-lets-do-it-macedonia\/\" target=\"_blank\">Blazhe Josifovski<\/a><\/p>\n\n\n<h4 class=\"related-heading\">Weiterlesen<\/h4><div class=\"relateds\"><div class=\"related-item category-7\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-viel-plastik-wird-zu-mull\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/28_plastic_k213.svg\" alt=\"Wie viel Plastik wird zu M\u00fcll?\" \/><h3 class=\"title\">Wie viel Plastik wird zu M\u00fcll?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-11\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wer-kampft-gegen-plastik\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/69_plastic_k213.svg\" alt=\"Wer k\u00e4mpft gegen Plastik?\" \/><h3 class=\"title\">Wer k\u00e4mpft gegen Plastik?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-9\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-betrifft-plastik-menschen\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/26_plastic_k213.svg\" alt=\"Wie betrifft Plastik Menschen?\" \/><h3 class=\"title\">Wie betrifft Plastik Menschen?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n<div id=\"post_navi\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/?post_type=post&#038;p=3957\">weiter<\/a><\/div>\n\n\n<p class=\"glossary\"><span class=\"title\">Glossar<\/span><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#toxisch\">Giftig<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#PET\">PET<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#genossenschaft\">Genossenschaft<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#recycling\">Recycling<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#kredit\">Kredit<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man von M\u00fcll leben? M\u00fcllsammeln in Nordmazedonien Zekia Memedov lebt vom M\u00fcll, seit sie sich erinnern kann. Schon als kleines M\u00e4dchen hat sie M\u00fcllcontainer durchsucht, statt in die Schule zu gehen. Sie hat daraus hervorgeholt, was sie verkaufen konnte. Sp\u00e4ter haben ihre eigenen Kinder dasselbe getan. 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