{"id":4939,"date":"2021-08-12T18:03:55","date_gmt":"2021-08-12T16:03:55","guid":{"rendered":"https:\/\/plastic.boell.org\/?p=4939"},"modified":"2022-04-01T14:32:11","modified_gmt":"2022-04-01T12:32:11","slug":"menstruation-ohne-plastik-und-tabu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/menstruation-ohne-plastik-und-tabu\/","title":{"rendered":"20  Menstruation ohne Plastik und Tabu?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Menstruation ohne Plastik &amp; Tabu<\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Ein Beispiel aus Indien<\/h5>\n\n\n\n<p>Hast du jemals dar\u00fcber nachgedacht, woraus Tampons und Wegwerfbinden bestehen? Wie die meisten Menschen hat auch die indische \u00d6kologin Shradha Shreejaya lange geglaubt, dass sie einfach aus Baumwolle sind. Erst als sie 24 Jahre alt war und sich an Umweltschutzaktionen beteiligte, wurde ihr bewusst, wieviel Plastik und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#toxisch\">giftige<\/a> Bestandteile konventionelle Tampons und Binden enthalten. Auf einmal verstand sie, warum sie st\u00e4ndig diese roten Hautausschl\u00e4ge bekam. Sie hatte immer geglaubt, es l\u00e4ge an ihrem Hauttyp, oder sie sei vielleicht nicht sauber genug. Sie wechselte zu einer <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#menstruationstasse\">Menstruationstasse<\/a>, die ihr Leben revolutionierte. Pl\u00f6tzlich war sie nicht nur ihren Hautausschlag los, sondern ber\u00fchrte sich durch die Tasse erstmals selbst an ihren intimsten Stellen und bekam dadurch ein nat\u00fcrlicheres Verh\u00e4ltnis zu den von der Gesellschaft tabuisierten Bereichen ihres K\u00f6rpers. Ihre Wahrnehmung ver\u00e4nderte sich, und sie fragte sich: Warum sch\u00e4men wir uns wegen eines ganz nat\u00fcrlichen biologischen Prozesses, der seinen Ursprung in etwas so Wesentlichem wie der menschlichen Fortpflanzung hat? In Indien ist die monatliche Blutung ein derart gro\u00dfes <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#tabu\">Tabu<\/a>, dass viele M\u00e4dchen und Frauen nicht einmal untereinander dar\u00fcber sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ihre eigene Erfahrung befl\u00fcgelt, begann sich die Umweltwissenschaftlerin daf\u00fcr zu interessieren, welche Auswirkungen Menstruationsprodukte nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von M\u00e4dchen und Frauen haben. Sie begriff, dass \u00c4nderungen auf diesem Gebiet nur dann m\u00f6glich sind, wenn die <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#tabu\">Tabus<\/a> gebrochen werden. Um Probleme zu l\u00f6sen, muss man sie ansprechen k\u00f6nnen. Genau das aber ist in ihrem Heimatland eine gro\u00dfe Herausforderung, denn in weiten Teilen Indiens werden M\u00e4dchen und Frauen w\u00e4hrend ihrer Menstruation als unrein betrachtet und d\u00fcrfen weder einen Tempel noch die K\u00fcche betreten. Oft bleiben sie in dieser Zeit auch der Schule fern, entweder aus Angst, dass sich Flecken auf ihrer Kleidung zeigen, oder weil es in vielen Schulen keine M\u00f6glichkeit gibt, Binden zu wechseln und zu entsorgen. Nicht selten brechen M\u00e4dchen deshalb sogar ihre Schulausbildung ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch zu Hause, besonders auf dem Land und in den Slums, stehen die Frauen vor dem Problem, dass sie nicht wissen, wo sie die gebrauchten Menstruationsprodukte entsorgen k\u00f6nnen. In den Haushaltsm\u00fcll d\u00fcrfen sie nicht. In der Toilette saugen sie sich voll und verstopfen die Kanalisation. Auf dem Land nehmen Frauen oft lange Wege auf sich, um die Binden au\u00dferhalb der D\u00f6rfer in der Erde zu vergraben. Oder sie klemmen sie zwischen ihre Schenkel, wenn sie im See oder Fluss baden, um sie dort loszuwerden. Aber egal, ob im Wasser oder in der Erde: Aufgrund ihres hohen Plastikanteils existiert jede einzelne Binde viele 100 Jahre. Wenn die Frauen sie verbrennen, werden dabei <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#toxisch\">giftige<\/a> Gase freigesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#einweg\">Einmalprodukte<\/a> sind nat\u00fcrlich f\u00fcr die meisten M\u00e4dchen und Frauen sehr praktisch, und die meisten betrachten sie als einen gro\u00dfen Fortschritt gegen\u00fcber den Stoffresten, die Frauen traditionell verwendet haben. Der indische Staat will dazu beitragen, dass mehr Frauen Einmalbinden benutzen k\u00f6nnen, und verteilt sie deshalb verbilligt an 10- bis 19-j\u00e4hrige M\u00e4dchen auf dem Land. Au\u00dferdem hat er die Steuer auf Binden und Tampons abgeschafft, weil diese f\u00fcr viele einfach zu teuer sind. Das Abfallproblem verliert der Staat dabei aus den Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein anderer wichtiger Punkt wird nicht angesprochen, und das ist nicht nur in Indien ein Problem, sondern weltweit: Wie kann es sein, fragt sich Shradha, dass wir auf gesunde Ern\u00e4hrung und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#schadstoff\">schadstoff<\/a>arme Kosmetik achten, aber kaum jemand hinterfragt, welche Chemikalien in Menstruationsprodukten enthalten sind? Eine Pflicht zur Angabe der Inhaltsstoffe gibt es nicht, dabei sollte jede*r das Recht haben zu wissen, welche Giftstoffe und Plastiksorten rund 40 Jahre lang regelm\u00e4\u00dfig mit den Schleimh\u00e4uten in Ber\u00fchrung kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Shradha begann zu untersuchen, welche Initiativen es f\u00fcr die Verbreitung nachhaltiger Menstruationsprodukte bereits gab. Zu ihrem Gl\u00fcck hat ihr Heimatstaat Kerala im S\u00fcden Indiens eine sehr fortschrittliche und umweltbewusste Regierung und beteiligt sich an dem internationalen Programm \u00bb<a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zero-waste\">Zero Waste<\/a> Cities\u00ab. Das bedeutet, dass es bereits ein dichtes Netz an NGOs gab, die sich mit Abfallfragen besch\u00e4ftigten. Doch Shradha fand kaum eine, die sich mit dem Thema Menstruation befasste. Sie nutzte die sozialen Medien, um sich mit <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#aktivistinnen\">Aktivist*innen<\/a> auf diesem Gebiet in Verbindung zu setzen und stie\u00df auf Initiativen wie \u00bbThe Red Cycle\u00ab oder \u00bbEco- Femme\u00ab, eine Kooperative, die auswaschbare Monatsbinden aus \u00f6kologischer Baumwolle herstellt und damit sozial benachteiligten Frauen einen Arbeitsplatz bietet. Mit den \u00dcbersch\u00fcssen aus dem Verkauf der Stoffbinden finanzieren die<\/p>\n\n\n\n<p>Frauen gleichzeitig Aufkl\u00e4rungskampagnen<br>an Schulen. Shradha wollte die bereits existierenden Projekte vernetzen und wurde zur Mitbegr\u00fcnderin des \u00bbSustainable Menstruation Kerala Collective\u00ab \u2013 einer informellen Gruppe engagierter Einzelpersonen, Initiativen und Produzenten, die dasselbe Anliegen haben: M\u00e4dchen und Frauen Zugang zu gesunden, bezahlbaren und umweltfreundlichen Menstruationsprodukten zu verschaffen. Zu diesem Zweck tauschen sie sich miteinander aus, oder sie organisieren Festivals und Kampagnen. Sie kl\u00e4ren auf und stellen auf \u00f6ffentlichen Veranstaltungen und in Schulen umweltfreundliche und unbedenkliche Alternativen wie auswasch- bare Stoffbinden und <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#menstruationstasse\">Menstruationstassen<\/a> aus medizinischem Silikon vor, die weder Umwelt noch K\u00f6rper belasten und trotz einmaliger h\u00f6herer Anschaffungskosten auf Dauer billiger sind. Sie ernten viel Dank daf\u00fcr, dass sie endlich ein Thema ansprechen, das mit so viel Scham behaftet ist. Shradha ist klar, dass l\u00e4ngst nicht jede*r die M\u00f6glichkeit hat, frei zu w\u00e4hlen. Oft scheitert es an so grundlegenden Dingen wie sauberen Toiletten, deshalb beziehen sie auch Politiker*innen in ihre Arbeit ein. Aufkl\u00e4rung, soziale Situation, Umwelt und Gesundheit \u2013 alles h\u00e4ngt miteinander zusammen. Shradhas Einsatz hat entscheidend dazu beigetragen, dass Kerala zu einem Vorbild f\u00fcr ganz Indien geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a href=\"http:\/\/www.deutsch.annetteherzog.com\/\">Annette Herzog<\/a> interviewte <a href=\"https:\/\/feminisminindia.com\/author\/shradhas\/\">Shradha Shreejaya<\/a><\/p>\n\n\n<h4 class=\"related-heading\">Weiterlesen<\/h4><div class=\"relateds\"><div class=\"related-item category-5\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/was-sind-additive\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/13_plastic_I_k213.svg\" alt=\"Was sind Additive?\" \/><h3 class=\"title\">Was sind Additive?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-11\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/menstruation-ohne-plastik-und-tabu\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/20_plastic_I_k213-1.svg\" alt=\"Menstruation ohne Plastik und Tabu?\" \/><h3 class=\"title\">Menstruation ohne Plastik und Tabu?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-9\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-betrifft-plastik-menschen\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/26_plastic_k213.svg\" alt=\"Wie betrifft Plastik Menschen?\" \/><h3 class=\"title\">Wie betrifft Plastik Menschen?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n<div id=\"post_navi\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/?post_type=post&#038;p=3821\">weiter<\/a><\/div>\n\n\n<p class=\"glossary\"><span class=\"title\">Glossar<\/span><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#giftig\">Giftig<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#menstruationstasse\">Menstruationstasse<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#tabu\">Tabu<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#einweg\">Einmalprodukte<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#schadstoffe\">Schadstoff<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#zero-waste\">Zero Waste<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#aktivistinnen\">Aktivist*innen<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#genossenschaft\">Kooperative<\/a> <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#\u00f6kologisch\">\u00d6kologisch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menstruation ohne Plastik &amp; Tabu Ein Beispiel aus Indien Hast du jemals dar\u00fcber nachgedacht, woraus Tampons und Wegwerfbinden bestehen? 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