{"id":4927,"date":"2021-08-12T18:03:10","date_gmt":"2021-08-12T16:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/plastic.boell.org\/?p=4927"},"modified":"2022-04-01T14:21:34","modified_gmt":"2022-04-01T12:21:34","slug":"wie-lebten-wir-fruher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-lebten-wir-fruher\/","title":{"rendered":"8  Wie lebten wir fr\u00fcher?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Wie lebten wir fr\u00fcher?<\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Kindheit in den 1970er Jahren<\/h5>\n\n\n\n<p>Ich bin Annette, 1960 in der DDR geboren. Plastik war in meiner Kindheit noch etwas Neues und sehr Modernes. Wir sind sparsam damit umgegangen \u2013 wie \u00fcbrigens mit allem, denn die DDR war kein reiches Land. Wenn etwas kaputtging, wurde es repariert. In unserem Dorf gab es eine Reparaturstelle f\u00fcr defekte Haushaltsger\u00e4te, wie zum Beispiel Rasierapparate, Staubsauger, Fernsehger\u00e4te, und sogar f\u00fcr Feinstrumpfhosen. Das kostete nicht viel und hat sich immer gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Verpackungen waren meistens aus Pappe, Papier oder Glas. Zum Einkaufen benutzten wir Stoffbeutel oder Einkaufsnetze. Wurst, Fisch, K\u00e4se und sogar Sauerkraut wurden frisch am Stand gekauft und in Papier eingewickelt. Obst und Gem\u00fcse packte man in braune Papiert\u00fcten.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal kam ein Mitsch\u00fcler aus Schweden zur\u00fcck und erz\u00e4hlte, dass man den M\u00fcll dort in Plastikt\u00fcten sammelte, bevor man ihn in den Container warf. Das konnten wir uns kaum vorstellen. Eine appetitliche Verpackung f\u00fcr den M\u00fcll?! Bei uns kam Abfall direkt in den M\u00fclleimer, den wir nach dem Entleeren ausgesp\u00fclt und mit Zeitungspapier ausgelegt haben. <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#organisch\">Organischer<\/a> Abfall landete auf dem Kompost im Garten. In der Stadt standen spezielle Tonnen, in denen Futter f\u00fcr Schweine gesammelt wurde. Metall, Glas und Altpapier haben wir zur Altstoffhandlung gebracht, daf\u00fcr waren wir Kinder zust\u00e4ndig. Wir sind regelm\u00e4\u00dfig mit Handwagen und Fahrr\u00e4dern von T\u00fcr zu T\u00fcr gezogen, haben geklingelt und nach leeren Flaschen und Gl\u00e4sern und alten Zeitungen und Zeitschriften gefragt. Die haben wir dann zur Annahmestelle geschleppt und damit unser Taschengeld aufgebessert.<\/p>\n\n\n\n<p>Plastikverpackungen wurden mehrmals verwendet oder umfunktioniert. Es w\u00e4re einfach schade gewesen, sie wegzuwerfen, denn sie waren praktisch, und es gab sie nicht oft. Die 1-Liter-Plastikt\u00fcten, in denen es Milch zu kaufen gab, sp\u00fclten wir aus und packten unsere Schulstullen darin ein. Leere Margarinebecher haben meine Eltern als Blument\u00f6pfe verwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir einen Ausflug machten, nahmen wir unser Essen von zu Hause mit, oder wir kauften eine Wurst auf einem kleinen Pappteller. Bei Veranstaltungen gab es Getr\u00e4nke in Flaschen oder Pfandgl\u00e4sern. Wenn die Erwachsenen unterwegs Kaffee trinken wollten, setzten sie sich in ein Caf\u00e9, Becher zum Mitnehmen kannte niemand. Als junge Frau war ich einmal zu einer Veranstaltung im Franz\u00f6sischen Kulturzentrum in Berlin eingeladen. Dort wurde Wasser aus durchsichtigen Plastikflaschen in glasklaren Plastik- bechern serviert. Als alles anschlie\u00dfend im Papierkorb landete, stockte mir der Atem. Ich habe heimlich eine dieser wundersch\u00f6nen Flaschen und mehrere Becher mit nach Hause genommen. Meine Familie hat sie bestaunt und noch lange benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern sp\u00fclen auch heute noch fast jeden Plastikbeh\u00e4lter aus, beispielsweise um etwas einzufrieren. Sie benutzen auch jede Plastikt\u00fcte mehrmals. Lange war mir ihre Sparsamkeit peinlich, aber nun sind die beiden fast Neunzigj\u00e4hrigen voll im Trend. Ich versuche, es ihnen nachzumachen, nur leider \u00fcbersteigen die vielen leeren Plastikbeh\u00e4lter einfach meinen Bedarf.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Name ist Kofo, und ich wurde 1959 in London geboren. Als ich zehn war, sind wir in die Heimat meiner Eltern, nach Nigeria, zur\u00fcckgekehrt. Auch in England gab es damals noch nicht so viel Plastik, aber in den afrikanischen L\u00e4ndern noch viel weniger. In den 1970er Jahren gab es zwar einige Superm\u00e4rkte, aber die meisten Menschen Nigerias kauften ihre Waren auf M\u00e4rkten und trugen sie in K\u00f6rben nach Hause. Auf dem Markt lagen Nahrungsmittel wie Reis, <a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#maniok\">Maniok<\/a> und Getreide in S\u00e4cken aus Jute, einer Naturfaser, und die Lebensmittel wurden in Zeitungspapier oder gro\u00dfe Bl\u00e4tter eingepackt. Die gleichen Bl\u00e4tter wurden auch dazu benutzt, um darin Essen zu kochen. Wenn die S\u00e4cke oder K\u00f6rbe verschlissen waren, konnte man sie einfach wegwerfen, denn sie waren aus Pflanzenfasern, die auf nat\u00fcrliche Weise schnell verrotten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher wurde Wasser in Beh\u00e4ltnissen aus der Natur transportiert, zum Beispiel in ausgeh\u00f6hlten Flaschenk\u00fcrbissen. Die Kalebassenb\u00e4ume, an denen die Flaschenk\u00fcrbisse wachsen, sieht man heute nicht mehr so oft wie damals. Ich habe einen in meinen Garten gepflanzt, und wenn ich G\u00e4ste habe, sind sie \u00fcberrascht und freuen sich dar\u00fcber. Ich biete ihnen an, die K\u00fcrbisse mitzu- nehmen und als Wassergef\u00e4\u00dfe zu benutzen, aber es ist viel Arbeit, sie auszuh\u00f6hlen. Haushaltsartikel wurden damals wie auch jetzt teilweise noch aus Naturmaterialien gefertigt, zum Beispiel Besen aus den Fasern von Palmbl\u00e4ttern. Kleidung wurde aus Baumwolle gewebt oder sogar aus Baumrinde gemacht. Spielsachen waren in der Regel aus Holz und manchmal auch aus alten Blechdosen. Die Menschen hatten mehr Zeit, um Dinge herzustellen und ihr Essen zu kochen.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Jugend gab es Coca-Cola immer in Glasflaschen. Wir haben die leeren Flaschen zu Hause gesammelt und aufbewahrt, um sie den Menschen zu geben, die in die H\u00e4user kamen und nach Wertstoffen fragten. Wir haben ihnen dann die leeren Flaschen und alte, geb\u00fcndelte Zeitungen gegeben. Die Zeitungen wurden auf dem Markt zum Einpacken von Fisch, Fleisch oder anderen Lebensmitteln wiederverwendet. Das Sammeln hat uns Kindern Spa\u00df gemacht, denn wir haben daf\u00fcr immer ein paar Pennies erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit den 1980er Jahren ist das Leben in Nigeria schneller geworden. Viele junge Menschen ziehen in die Stadt, wollen Geld verdienen und ein modernes Leben f\u00fchren. Sie essen Fastfood und kaufen Wasser in Plastikflaschen oder in Plastiksachets, das sind kleine, viereckige T\u00fcten. Auf dem Land, wo fr\u00fcher Lebensmittel und Pflanzen f\u00fcr die Herstellung von Gebrauchsgegenst\u00e4nden angebaut wurden, entstehen jetzt H\u00e4user, oder es werden Produkte angebaut, die ins Ausland exportiert werden und Geld bringen. Dadurch geht der Anbau traditioneller Pflanzen zur\u00fcck. Gegenst\u00e4nde aus Naturmaterialien wie K\u00f6rbe und Besen werden deshalb immer teurer und seltener oder geraten ganz in Vergessenheit. Wir haben den westlichen Lebensstil kopiert. Nun ist es an der Zeit, dass wir uns an unsere Traditionen erinnern, denn wir wissen ja, wie das Leben mit weniger Plastik gut funktionieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"sources\"><a href=\"http:\/\/www.deutsch.annetteherzog.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Annette Herzog<\/a> und <a href=\"https:\/\/ng.boell.org\/en\/person\/kofo-adeleke\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kofo Adeleke<\/a><\/p>\n\n\n<h4 class=\"related-heading\">Weiterlesen<\/h4><div class=\"relateds\"><div class=\"related-item category-5\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/seit-wann-gibt-es-plastik\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/40_plastic_k213-1.svg\" alt=\"Seit wann gibt es Plastik?\" \/><h3 class=\"title\">Seit wann gibt es Plastik?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-11\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/wie-und-wo-unverpackt-einkaufen\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/65_plastic_k213.svg\" alt=\"Wie und wo unverpackt einkaufen?\" \/><h3 class=\"title\">Wie und wo unverpackt einkaufen?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><div class=\"related-item category-11\"><figure><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/warum-ist-mehrweg-gut\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/plastic.boell.org\/files\/2021\/05\/36_plastic_k213-2.svg\" alt=\"Warum ist Mehrweg gut?\" \/><h3 class=\"title\">Warum ist Mehrweg gut?<\/h3><\/a><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n<div id=\"post_navi\"><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/?post_type=post&#038;p=3573\">weiter<\/a><\/div>\n\n\n<p class=\"glossary\"><span class=\"title\">Glossar<\/span><a href=\"https:\/\/plastic.boell.org\/de\/glossar#organisch\">Organisch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie lebten wir fr\u00fcher? 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